Mann gegen Eisen: Vorbereitung zur Weltmeisterschaft 2019 im Kraftdreikampf

Interview mit Thomas Ziegler – Mehrfacher Deutscher Meister im Kraftdreikampf

Du hast erst kürzlich einen Bundesliga-Wettkampf im Kraftdreikampf im fränkischen Ansbach hinter dir und mit deinem Team vom TSV Katzwang erfolgreich für den Klassenerhalt gekämpft. Wie sehen deine Wochen jetzt nach dem Wettkampf aus? 

Jetzt steht erstmal einen Monat Regeneration an. Dabei mache ich viele Wiederholungen mit wenig Gewicht. Vor ein paar Tagen habe ich mir für’s Kniebeugen einfach 150 kg aufgelegt und dann 10 mal gebeugt. Das nutze ich dann auch zum Technik-Schliff. Dann wird in äußerst sauberer Weise und auch sehr tief gebeugt. Das Gewicht und die Wiederholungen sind dann immer etwas anders. Es geht darum, dass ich mich mit dem Gewicht wohl fühle und keine große Anstrengung habe. Nur so kann sich der Körper nach dem Wettkampf auch erholen.

Oder ich mache ganz andere Sachen, wie Ringen, Bouldern, Tischtennis oder Schwimmen. Man muss einfach mal rauskommen und dem Körper die Möglichkeit geben zu regenerieren. Im Juli startet dann wieder die Vorbereitung für die Weltmeisterschaft im Kraftdreikampf vom 7. bis 12. Oktober in Potchefstroom, Südafrika.

In den Wochen vor dem Wettkampf hatte ich die Möglichkeit, im Crossfit.91522 im Arcadium in Ansbach mit dir zu trainieren. Da habe ich gesehen, wie schwer du trainierst. Wie sah eine typische Trainingswoche in der Hochphase der Vorbereitung bei dir aus?

Natürlich werden die Wiederholungen in der Trainingsvorbereitungen weniger und das Gewicht wird immer höher. Gerade die letzten zwei bis drei Wochen wird dann teilweise fast mit Maximalgewicht trainiert. Man schaut auch einfach mal was so geht. In den letzten zwei Wochen macht man dann mehrere Aufwärmsätze und geht dann auf ein Gewicht hoch, mit dem man zwei saubere Wiederholungen schafft. Wenn man es wissen will, kann man auch mal mit Trainingspartnern an oder leicht über das Maximalgewicht gehen. Das ist vor allem wichtig, um zu schauen, wie das Equipment mit dem Gewicht und der aktuellen Form zusammen passt. Beim Bankdrücken haben wir Kraftdreikämpfer spezielle Hemden an, die vor allem vor Verletzungen schützen. Man kann damit aber auch mehr Gewicht drücken als ohne Hemd. Allerdings kommt man erst ab einem gewissen Gewicht komplett mit der Stange runter auf die Brust. Man spielt sich also auf den Wettkampf ein.

Bei der Kniebeuge ist das mit den Kniebandagen ähnlich. Der Trainingspartner muss die Bandagen straff genug anlegen, damit sie bei schwerem Beugen passen. Wenn man nach dem Bandagieren nicht mehr alleine aufstehen kann, dann sitzen die Bandagen gut.

Beim Kraftdreikampf geht es um eine einzelne, technisch korrekte Wiederholung mit maximalem Gewicht. Besteht dein Training ausschließlich aus Maximalkrafttraining oder wie variierst du dein Training?

Es wäre total kontraproduktiv, wenn ich ausschließlich Maximalkraft trainieren würde. Man braucht ja auch Erholung und andere Reize, so wie ich das die nächsten Wochen machen werde. Danach fange ich auch nicht gleich mit 100% an, sondern mit einem Gewicht, mit dem ich acht saubere Wiederholungen schaffe. Das Gewicht geht dann ungefähr drei Wochen lang schrittweise hoch, je nachdem wie ich mich eben fühle. Danach gehen die Gewichte weiter hoch und die Wiederholungen dann runter auf sechs oder fünf. So wird das dann in allen drei Disziplinen gemacht.

Kraftdreikampf Thomas Ziegler Kreuzheben
Kraftdreikämpfer Thomas Ziegler beim Kreuzheben, Europa Meisterschaft 93 kg Klasse, 2017

Ich erlebe genau das sehr oft: Total motivierte Sportler begeistern sich für einen Sport, egal ob Laufen, Krafttraining oder Klettern und trainieren einfach pausenlos am Limit. Viele glauben, dass man jedes Training an sein Limit gehen muss und das dann das ganze Jahr. Kommt dir das auch bekannt vor?

Und dann schmeißt man nach ein paar Wochen einfach hin, weil man völlig ausgebrannt ist oder holt sich eine schwere Verletzung, die dann zur Zwangspause verdonnert. Ja das Phänomen gibt’s tatsächlich in jedem Sport. Wenn man auf Dauer gesund bleiben will und seinen Sport bis ins hohe Alter mit Spaß weiter machen will, dann muss man tatsächlich lernen auf seinen Körper zu hören und das Training ganz bewusst immer wieder ein paar Wochen langsamer angehen lassen.

Und dann startet man wieder durch. So wie du Anfang 2019, wo du dich bei der Deutschen Meisterschaft in Mainz erfolgreich für die Weltmeisterschaft in Südafrika diesen Herbst qualifiziert hast. Wie fühlt sich das an?

Hm, sagen wir mal so, mittlerweile ist es schon ein ganzes Jahrzehnt, in dem ich mich regelmäßig für Europa- und Weltmeisterschaften qualifiziere. In Mainz hatte ich nur das Ziel durchzustehen und mich zu qualifizieren. Ich hatte mit Fieber zu kämpfen und war daher ziemlich angeschlagen. Neue Bestleistungen waren da einfach nicht drin. Aber natürlich war ich froh und erleichtert, dass die Qualifikation trotzdem geklappt hat.

Wo du von Bestleistungen sprichst: Was waren denn deine persönlichen Highlights in deiner Sportler-Karriere?

Seit meinem 10 Lebensjahr bin ich nun im Leistungssport unterwegs und war anfangs für 20 Jahre beim Ringen. Da war mein erstes richtig großes Highlight, dass ich 1988 mit einer Auswahl von Sportlern nach Wyoming (USA) geflogen bin und dort drei Wochen lang den kulturellen Austausch mit unseren Gastfamilien hatte. Das war eine tolle Zeit. Auf dem Rückweg hatte ich dann auch noch eine Bronzemedaille im Gepäck.

1997 habe ich dann parallel zum Ringen in der Bundesliga mit dem Kraftdreikampf begonnen. Als ich bei meiner ersten deutschen Meisterschaft teilgenommen habe, hab ich mich gefreut wie ein Schneekönig über meinen siebten Platz. Ein erster Titel als Deutscher Meister im Kraftdreikampf in 2000 war dann ein sehr starker Moment für mich, das war echt klasse. Und dann ging’s weiter mit meiner ersten Qualifizierung für die Weltmeisterschaft 2003 in Wien, wo ich den dritten Platz geholt habe. Ein besonderer Moment für mich war auch ein Wettkampf in Texas, wo ich mit dem vierten Platz, dann doch der beste deutsche Athlet war. Bei der Europameisterschaft in 2017 konnte ich auch wieder eine Medaille im Kraftdreikampf abräumen. Und auf letztes Jahr bin ich ganz besonders stolz, als ich mit 190 kg einen neuen bayrischen Rekord im Bankdrücken in der 93 kg Klasse aufstellen konnte. Ein tolles Highlight war auch die goldene Ehrenmedaille vom Bayrischen Gewichtheber- und Kraftdreikampfverband, denn die bekommen nur sehr wenige Menschen.

Jetzt muss ich selbst mal insgesamt nachzählen: Sechsfacher Deutscher Meister und bei Europa- und Weltmeisterschaften eine Silber- und acht Bronzemedaillen. Waren also schon ein paar Highlights im Laufe der Zeit.

Kraftdreikampf Thomas Ziegler Bankdrücken
Kraftdreikämpfer Thomas Ziegler beim Bankdrücken

Du sagtest einmal scherzhaft, für dich sei die Schwerkraft leichter als für die Anderen. Welche Bestleistungen hat dir diese physikalische Anomalie denn im Bankdrücken, Kniebeuge und Kreuzheben ermöglicht?

Ein bisschen Spaß gehört für mich halt einfach dazu. Bestleistungen sind natürlich abhängig von der Gewichtsklasse, in der man unterwegs ist. Als ich in der 105 kg Klasse war, hab ich im Kniebeugen 280 kg, im Bankdrücken 210 kg und im Kreuzheben 290 kg geschafft. In meiner „leichteren“ Zeit in der 82,5 kg Klasse habe ich auch lange Zeit den Rekord im Kreuzheben mit 285 kg gehalten. Das war locker mehr als das dreifache meines Körpergewichts.

Momentan trete ich in der Klasse bis 93 kg an und da sind meine Bestleistungen im Kniebeugen 235 kg, im Bankdrücken 190 kg und 240 kg im Kreuzheben. Mit 650 kg zusammen addiert halte ich damit in dieser Gewichtsklasse auch den Bayrischen Rekord im Kraftdreikampf und mit den 190 kg auch den Bayrischen Rekord im Bankdrücken.

Solche Erfolge macht man ja nicht zufällig. Welche wichtigen Grundsätze begleiten dich in deinem Training? 

Wahnsinnig viel Disziplin beim Essen, weil ich mir auch immer die Gewichtsklasse erkämpfen muss und nicht nur die Medaille. Bei anderen Athleten ist das vielleicht nicht so, bei mir aber schon. Mein Training mache ich ganz klassisch. Neun Wochen vor einem Wettkampf geht das Gewicht jede Woche hoch und die Wiederholungen alle drei Wochen runter. Dann landet man in den letzten drei Wochen langsam aber sicher fast bei seinem Maximalgewicht und spielt sich mit dem Equipment ein.

Wie kamst du eigentlich zum Kraftdreikampf? 

Die ersten Übungen habe ich 1997 begonnen, parallel zum Ringen. Ich habe damals bei einen Wettkampf in Nürnberg zugesehen und gleich gewusst, dass das was für mich wäre. Dann hab ich einfach angefangen zu trainieren und zwei Monate später selber bei einem Wettkampf mit gemacht. Es ging dann ziemlich rasch aber auch parallel über vom Ringen zum Kraftdreikampf. Als ich das erste Mal deutscher Meister wurde, ging es dann so seinen Gang mit dem Kraftdreikampf. .

Was motiviert dich heute nach so vielen Jahren im Leistungsport weiter dran zu bleiben?

Ich brauche immer ein Ziel und den Wettkampf. Ich könnte nicht einfach so trainieren für die reine Optik. Beim Ringen wollte ich jeden besiegen, der auf die Matte steigt. Im Kraftdreikampf ringe ich mit dem Eisen und ich will mehr Eisen bewegen wie alle meine Gegner. Medaillen und Urkunden sind natürlich sehr schön und eine große Ehre, aber das Gefühl des Wettkampfes selbst ist es, das mich antreibt. Mann gegen Eisen!

Du hast ja schon sehr früh mit dem Leistungssport angefangen, viele Menschen finden erst spät einen Sport, der ihnen gefällt. Kann denn man zu alt sein, um mit Kraftdreikampf anzufangen?

Es ist fast schon ein Lebensmotto von mir, dass man nie zu alt sein kann. Egal wofür. Und für den Kraftdreikampf auf keinen Fall, da gerade mit dem Älter werden Krafttraining immer wichtiger wird. Und dabei sind die Grundübungen Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben super geeignet, da man damit den ganzen Körper trainiert. Wenn man sauber und technisch korrekt trainiert, dann kann man auch bei einem späten Einstieg in diesen Sport noch einiges an Eisen bewegen.

Schöne Schlussworte. Danke dir für das Interview Thomas und wir sehen uns beim nächsten Training!

Das Interview führte Florian Stein, Personal Trainer, www.steinfitness.coach